Stummfilmpianistin & Improvisatorin

Wie arbeitet eine Stummfilmpianistin?

Wenn ich mir einen Stummfilm das erste Mal anschaue, entsteht in mir als Betrachter eine ganz subjektive Wahrnehmung, oder man kann auch sagen: meine persönliche Interpretation des Films. Meist tauchen dann auch gleich die ersten konkreten musikalischen Ideen auf – welche Person oder Situation eine bestimmte Emotion erweckt und wie ich diese am besten transportieren kann, welche Klänge passen dazu oder spiele ich bewusst einen Bruch/Widerspruch? Danach probiere ich einzelne Szenen des Films aus, funktioniert meine Musik dazu oder nicht? Manchmal, wenn ich vom Ergebnis nicht so überzeugt bin, lasse ich den Film auch erst einmal „ruhen“ und probiere in einem zweiten Anlauf ganz andere Ideen aus. Es gibt andererseits auch die Situation, dass ich einen Film vorher nicht gesehen habe und völlig frei und blind für die Tastatur ohne jegliche Vorbereitung die Musik dazu improvisiere.

Das sind ganz spezielle Erfahrungen für mich, diese Aufführungen sind sehr intensiv, das musikalische Ergebnis einzigartig und oft sogar viel spannungsgeladener.

 

Aber wie funktioniert das denn genau?

Die Musik zu einem Stummfilm zu spielen, bedeutet für mich das kreative Neu-Schöpfen im Moment. Die Musik soll die Emotionen und Gefühle, welche die Bilder beim Zuschauer erzeugen, transportieren, untermalen, verstärken, deutlich machen, hörbar und erlebbar werden lassen.

Natürlich gibt es Überlegungen und musikalische Themen, was passt zu einer Figur oder einer Szene – doch das freie ungefilterte Spiel ist mir überaus wichtig. Dadurch bleibt die Musik authentisch und lebendig-spontan. Eine vorgefertigte Struktur oder Komposition birgt auch immer die Gefahr, beim Spielen in eingefahrene Spuren zu gelangen und „nur“ wiederzugeben. Wenn ich jedoch frei spiele, ist der Moment, der Zufall immer gegenwärtig und ich fange an, im klassischen und auch kindlichen Sinn, zu spielen. Manchmal ergibt sich die Situation, dass ich einen Film spiele, ohne ihn vorher gesehen zu haben und das Ergebnis kann dabei die beste Version sein.
Improvisation – die Musik entsteht während des Spielens. Das Klavier bietet alle Möglichkeiten, vom vollen Klang eines Orchesters, über die Fähigkeit einzelne Stimmen zu imitieren und zu „singen“ wie eine Violine oder Flöte, bis hin zum Spiel in den Saiten und mit dem Korpus -die Ausdrucksmöglichkeiten der Schlag- und Rhythmusinstrumente.

 

Was fasziniert Dich an Stummfilmen?

Es ist die Langsamkeit und Entschleunigung im Vergleich zu kommerziellen heutigen Filmen. Die Stummfilme leben, vergleichbar mit einem Theaterstück, durch sorgfältige Inszenierung des Geschehens und vor allem durch die Ausdruckskraft der Schauspieler. Die Mimik und Gestik der Hauptdarsteller muss alles sagen können – ohne Worte, allein durch einen Blick, ein Hochziehen der Augenbraue, ein Stirnrunzeln. Das ist eine große Kunst. Zumal sind viele Filme aus der Zeit nicht kurz, sondern sehr lang, mit Musik erwachen sie zum Leben und sind dabei äußerst spannend, ganz ohne Spezialeffekte, aufwendige Technik und Action. Und nicht zuletzt bin ich ein Fan von Schwarz-Weiß  – das Spiel von Licht und Schatten, die Kontraste, das Wesentliche steht hier viel mehr im Vordergrund – keine Farbe die ablenken könnte.